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Zum Tag des Heiligen Stephan

20. Aug. 2014

Kommentatoren beider politischen Lager nutzen die Gelegenheit des heutigen Nationalfeiertages, um sich mit Blick auf das historische Erbe des Heiligen Stephan Gedanken über ihre jeweiligen politischen Botschaften zu machen.

In Népszava stellt Richárd Szentpéteri Nagy fest, dass Ungarn am 20. August, dem Tag der Staatsgründung durch den Heiligen Stephan, kaum feierlich der Verfassung gedenken könne. Aufgrund der im 20. Jahrhundert erfolgten nazistischen und sowjetischen Besetzungen Ungarns sei die tausendjährige historische Verfassung des Landes erloschen und könne nicht mehr wiederbelebt werden, urteilt der Verfassungsrechtler. Als Ungarn 1990 seine Souveränität wiedererlangt habe, sei die kommunistische Verfassung novelliert worden, anstatt ein neues Grundgesetz zu formulieren, fährt der Autor fort. Diese überaus problematische Version habe die Orbán-Regierung nunmehr ebenfalls kassiert. Abschließend prognostiziert Szentpéteri Nagy, dass das neue Grundgesetz der Orbán-Regierung und das neue Sozialsystem kaum langlebiger sein werden als die vergangenen zwei.

Europa befindet sich im Zentrum einer tiefen geistigen und kulturellen Krise , meint Zolt Bayer von Magyar Hírlap. Der regierungsfreundliche Kolumnist glaubt, dass die ungarische Rechte erkannt habe, dass die alte von Märkten und neoliberalen Ideen beherrschte Welt zerbrösele und ein gänzlich neues Sozialsystem am Horizont erscheine, während die Linke nach wie vor das alte System des freien Marktes instandsetzen möchte. Bayer sieht die Linke, wie sie ein stark idealisiertes Bild der „alten Welt“ hege – eine Welt, die anstatt von echter Demokratie von Zynismus, Mittelmäßigkeit, einer „Mediendiktatur“, Konsumdenken, Immoralität und Ausbeutung dominiert werde. In einer Nebenbemerkung behauptet Bayer, sämtliche Grundprinzipien der alten Welt seien deformiert, darunter auch die Freiheit, die – so Bayer – nunmehr offenbar in ein Fest der Homosexualität und des Atheismus verwandelt worden sei. Diejenigen Linken, die den Sankt Stephanstag benutzten, um die ungarischen Verbindungen zur westlichen Welt herauszustellen, sollten laut Bayer nicht vergessen, dass der Heilige Stephan nicht nur ein westliches, sondern auch ein christliches Ungarn gründen wollte.

Die Entscheidung des Heiligen Stephan, Ungarn an die christliche Welt des Westens zu binden, sei eine moralische Wahl gewesen, schreibt Szabolcs Szerető in Magyar Nemzet. Der konservative Kommentator zieht eine Parallele zwischen der Tat des Heiligen Stephan und der Öffnung der ungarischen Grenze 1989, die Ostdeutschen die Flucht nach Westdeutschland ermöglichte. Mit diesem mutigen Schritt habe Ungarn einmal mehr bewiesen, dass es statt zur Sowjetunion zu Westeuropa gehören wolle, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass der Westen Ungarn mehrere Male im Stich gelassen habe, merkt der Autor nicht ohne eine gewisse Verbitterung an.

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