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Ehrung für Kertész: Liberale ratlos

1. Sep. 2014

Die Regierung hat es nach Ansicht eines linksliberalen Autors geschafft, mit der Auszeichnung für Literaturnobelpreisträger Imre Kertész das Oppositionslager zu verblüffen. Sein konservativer Gegenpart glaubt, die Ordensverleihung habe beide Seiten zu Gewinnern gemacht und gleichzeitig zur Überbrückung tiefgehender Gräben beigetragen.

Die Regierung sei von eigennützigen Absichten geleitet gewesen, als sie Imre Kertész die höchste Staatsauszeichnung verliehen habe, schreibt György Dalos zum Titelthema von 168 Óra. Der frühere linke antikommunistische Dissident, der mittlerweile in Berlin lebt, kritisiert aber auch Stimmen, wonach der Nobelpreisträger es hätte ablehnen sollen, den St. Stephansorden von Vertretern des rechten Regimes überreicht zu bekommen (zur Kertész-Auszeichnung vgl. BudaPost vom 18. August). Nach einer Analyse der möglichen Motive der Regierung kommt Dalos zu dem Schluss, dass Ungarns Spitzenpolitiker angesichts „einiger unerfreulicher Niederlagen“ im Hinblick auf das Holocaust-Gedenken ihr Image hätten aufpolieren wollen. (Hintergrund ist der 70. Jahrestag des ungarischen Holocaust, an den das gesamte Jahr hindurch erinnert werden soll. Allerdings waren die entsprechenden Vorhaben der Regierung bei jüdischen Organisationen und Oppositionsgruppen auf Proteste gestoßen – Anm. d. Red.) Dalos hält dieses Bemühen für gescheitert, gesteht der Regierung aber einen taktischen Sieg zu, da sie „den politischen Gegner verblüfft“ habe. Liberale und Linke hätten Imre Kertész als ihren eigenen Helden betrachtet, vor allem, weil er wegen seiner deutlichen Äußerungen über das gegenwärtige Ungarn seitens rechter Autoren massiv angegriffen worden sei. (In einem Interview hatte er sogar abgestritten, Ungar – oder in dieser Angelegenheit Jude – zu sein. Damit wollte er klarstellen, dass er lediglich aufgrund seiner literarischen Arbeit und nicht wegen seiner Herkunft beurteilt werden wolle – Anm. d. Red.) Dalos lehnt linksliberale Erklärungen als „nicht überzeugend“ ab, wonach Kertész’ geistiges Urteilsvermögen unter seiner Krankheit (Parkinson) gelitten habe oder er von seiner Frau „an die Regierungspartei verkauft“ worden sei. In Wirklichkeit, erklärt Dalos, habe Kertész nie zur liberalen Elite gehört und sei immer eine einsame Persönlichkeit geblieben – selbst nach der Verleihung des Literaturnobelpreises vor zwölf Jahren. Zum Ende seines Artikel lässt Dalos dennoch eine gewisse Enttäuschung durchblicken, wenn er die Leser auffordert, „Kertész nicht zu verdammen oder mit ihm einverstanden zu sein, sondern ihn zu lesen“.

In seinem regelmäßigen Leitartikel in Heti Válasz charakterisiert Gábor Borókai Erklärungen frustrierter linksliberaler Kritiker als „abstoßend“. Die abstoßendste jedoch sei ein Leitartikel in Vasárnapi Hírek gewesen, in dem Kertész beschrieben wurde als „in seinem Rollstuhl sitzend, mit einem deutlich verwirrten Ausdruck in den Augen, während er mit Mária Schmidt Küsse austauscht“. (Die Historikerin Schmidt ist die Gründungsdirektorin des Terrorhaus-Museums und die Leiterin des Teams, das an der zukünftigen Erinnerungs- und Bildungseinrichtung „Haus der Schicksale“ arbeitet, das im kommenden Jahr eröffnet werden soll – Anm. d. Red.) Kertész sei, so Borókai, als „Holocaust-Clown seiner Majestät“ dargestellt worden. Demnach könne „Ungarn wieder als nazistisch bezeichnet werden“. Auf der anderen Seite erinnert Borókai daran, dass die Kertész immer wieder verleumdenden Rechten nunmehr auf zwei verschiedene Verhaltensweisen zurückgegriffen hätten: Diejenigen, die zur rechtsextremen Jobbik gehörten, richteten ihre Wut gegen die Regierung als „Verräterin der ungarischen Sache“. Die Moderaten hingegen hätten ihren Ton gemäßigt und dächten, dass „Viktor Orbán wissen muss, was er tut“. Insgesamt habe sich die Angelegenheit ausgezahlt, schreibt Borókai – sowohl für die Regierung, die ihr Prestige habe steigern können, als auch für Kertész, dessen Prosa nun ein Publikum erreichen werde, das sich ihr aufgrund politischer Barrieren bislang verschlossen habe. Und indem auf Parteilichkeit verzichtet worden sei, hätten sowohl die Regierung als auch Kertész zur „Wiedervereinigung Ungarns“ beigetragen.

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