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Linke auf Identitätssuche

1. Sep. 2014

Ein Kommentator des rechten und ein Analyst des linken Spektrums stimmen darin überein, dass die Linke nicht formulieren könne, wofür sie eigentlich stehe. Uneinigkeit herrscht aber mit Blick auf ihr Wesen. Der Vertreter des rechten Spektrums hält die Linke für einen desorientierten Unruhestifter, sein Gegenpart wiederum glaubt, die Linke sollte zum Retter des Landes avancieren.

Die Linke verliere eine Wahl nach der anderen, weil sie einen verzweifelten Kampf gegen einen virtuellen Feind führe, anstatt sich den Problemen der wirklichen Welt zuzuwenden, argumentiert Gábor Bencsik in Demokrata. Nach dem Regimewechsel habe die Linke niemals jene intellektuelle Anstrengung unternommen, ohne die eine echte und nachhaltige politische Entwicklung nicht möglich sei. Sie habe nicht definiert, wofür sie stehe und was sie über die großen Themen unserer Epoche, angefangen bei der Globalisierung bis hin zur Krise der traditionellen Werte, denke. Stattdessen hätten ihre Intellektuellen eine imaginäre Rechte geschaffen, die aus Nazi-Zombies und russischen Söldnern vom Typ Darth Vader bestehe. Ihre Politiker hätten diese Vorstellungen für bare Münze genommen und seien mit schwingenden Lichtschwertern in den Kampf gegen sie gezogen. „Kein Wunder, dass Fidesz immer und immer wieder siegt“, schlussfolgert der Autor.

Formal betrachtet malt Zoltán Lakner in Élet és Irodalom ein ziemlich ähnliches Bild. Auch er glaubt, dass die Linke ihre Hausaufgaben nicht gemacht habe. Dazu zähle in erster Linie die Analyse ihrer eigenen Position gegenüber dem Orbán-Regime. Dieses, so der Autor, wolle zu aller erst seine eigene Macht verewigen und zugleich alternative Gruppierungen „aus dem System herausdrängen“. Unter diesen Umständen denkt Lakner darüber nach, ob die Linke – zumindest teilweise – die anstehenden Kommunalwahlen nicht boykottieren sollte, um zu zeigen, dass sie nicht die Absicht habe, dieses System zu legitimieren. In erster Linie und vorrangig sollte sie jedoch das Modell einer zukünftigen Gesellschaft ausarbeiten, die sie zu schaffen vorhabe und die potentielle Sympathisanten anziehen und zusammenführen könnte. Viktor Orbán habe 15 Jahre harte Arbeit in den Aufbau seines Regimes gesteckt, erinnert der Autor. Auch der Opposition werde es nicht kurzfristig gelingen, einen Ruck durch die eigenen Reihen gehen zu lassen. „Es wäre aber eine Schande, es nicht zu versuchen“, mahnt Lakner.

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