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Lehrer auf den Barrikaden

15. Feb. 2016

Nach der Massendemonstration vom Samstag erklärt Népszabadság „Orbáns bildungspolitische Gegenrevolution“ für gescheitert. In Magyar Nemzet wiederum werden die unrasierten Protestierenden mit der Studentenbewegung verglichen, aus der sich vor 28 Jahren der Fidesz herausgebildet hatte.

In Népszabadság bezeichnet Miklós Hargitai das staatliche Bildungssystem, gegen das die Demonstranten auf die Straße gingen, als – so wörtlich – „Viktor Orbáns Einmann-Bildungs-Konterrevolution“. Sie sei ein Fehlschlag, diagnostiziert der Autor der linksliberalen Zeitung. Im Umfeld des Ministerpräsidenten gebe es niemanden mehr, „der auch nur den blassesten Schimmer“ von Bildung habe. Hargitai wirft der Regierung vor, auf einem veralteten Bildungsmodell zu beharren, das mit dem der 1950er Jahre vergleichbar sei. Damals habe man von den Schulen erwartet, die Schüler gemäß den marxistischen Idealen zu unterrichten.

Die Kundgebung auf dem Kossuth Lajos tér vor dem Parlamentsgebäude wurde von der links ausgerichteten Lehrergewerkschaft (PSZ) veranstaltet, die die von der Regierung initiierten Rundtischgespräche boykottiert. Auf diesem Forum sollen die von den Pädagogen vorgebrachten Missstände diskutiert werden (vgl. Budapost vom 12. Februar). Der Demonstration schloss sich allerdings auch die andere landesweit organisierte Lehrergewerkschaft (PDSZ) an. Sie hatte Vertreter zu den in der vergangenen Woche abgehaltenen Verhandlungen entsandt, und die Gespräche als „konstruktiv“ bezeichnet – Anm. d. Red.

Albert Gazda sieht die Protestbewegung in einem größeren Zusammenhang und nicht mehr nur als den Ausdruck bildungspolitischer Anliegen. Von den seitens der Lehrer eines Miskolcer Gymnasiums aufgelisteten Problemen, so Gazda in Magyar Nemzet, habe sich die Bewegung bereits weit entfernt. Allerdings sei sehr schwer auszumachen, wem sie sich nähere. (Gazda zitiert im Folgenden einen Ausspruch des ehemaligen Unterstaatssekretärs für das Hochschulwesen der zweiten Regierung Orbán, István Klinghammer. In einem zeitgleich in Magyar Nemzet erschienenen Interview hatte Klinghammer seine Verachtung den protestierenden Pädagogen gegenüber zum Ausdruck gebracht und geäußert: Unrasierte Lehrer in karierten Hemden durch die Straßen marschieren zu sehen, mache ihn wirklich wütend – Anm. d. Red.) Der Analyst von Magyar Nemzet weist diese Bemerkung verärgert zurück und erinnert an die unbotmäßigen Proteste, die in den späten 1980er Jahren zum Wechsel des politischen Systems in Ungarn geführt hätten. Schließlich habe auch der Fidesz dran seinen Anteil gehabt. In seiner Schlussbemerkung ätzt Gazda: Der Beweis sei bereits erbracht worden, dass sich karierte Hemden durchaus als gefährlich entpuppen könnten.

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