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Österreich bekommt grünen Bundespräsidenten

25. May. 2016

Nach dem hauchdünnen Sieg des Umweltaktivisten Alexander van der Bellen über den Migrationskritiker Norbert Hofer bei den Bundespräsidentenwahlen in Österreich heben die Kommentatoren hervor, dass das „friedliche, fröhliche und langweilige“ Nachbarland nunmehr nicht weniger gespalten sei als Ungarn – bzw. weite Teile der Welt.

Im Leitartikel auf ihrer Titelseite vergleicht Népszabadság den plötzlichen Zuwachs der Freiheitlichen mit den Erfolgen von nonkonformistischen Kräften in anderen Teilen der westlichen Welt. Die Leitartikler erwähnen in diesem Zusammenhang die USA mit Donald Trump, Frankreich mit Marine Le Pen sowie Deutschland und dessen Anti-Migrations-Partei AfD. Die Mitte werde schmaler, die Extremen würden stärker und die Kluft vertiefe sich, fasst die links ausgerichtete Tageszeitung zusammen.

Die österreichischen Eliten müssten auf die Stimmen der Unzufriedenheit hören, selbst wenn diese häufig nur auf eingebildeten Bedrohungen basierten, empfiehlt Péter Techet in HVG. Konservative und Sozialisten werden laut Techet ihre Einstellung zu den Freiheitlichen neu definieren. Immerhin sei es besser, die FPÖ als Bestandteil des Systems und nicht als eine externe Bedrohung zu wissen.

Die Historikerin Mária Schmidt hält es für bedauerlich, dass die Österreicher ihre einzig existierende historische Tradition aufgegeben hätten – nämlich die der Habsburg-Monarchie. Nunmehr werde der öffentliche Diskurs von linken Ideologien der Baby-Boomer und der deutschlandfreundlichen Tradition bestimmt, schreibt Schmidt auf Látószög. Infolgedessen verfügten anständige, hart arbeitende katholische Österreicher über keine Stimme mehr im öffentlichen Leben. Die Autorin erinnert daran, dass Ministerpräsident Viktor Orbán während seiner ersten Amtszeit der erste ausländische Spitzenpolitiker gewesen sei, der den österreichischen Kanzler Schüssel empfangen habe. (Schüssel galt im Westen als eine Art Schmuddelkind, da er die Freiheitlichen in seine Koalitionsregierung eingebunden hatte – Anm. d. Red.)

Eine „totale Spaltung“ sei kein Monopol Ungarns, fasst Albert Gazda in Magyar Nemzet zusammen. Die zweite Runde der österreichischen Bundespräsidentenwahlen habe aus einem Entscheidungslauf zwischen zwei Radikalismen bestanden, während die traditionellen linken und rechten Parteien erheblich geschwächt worden seien. Im Ergebnis könne es nicht einfach so wie bisher weitergehen, konstatiert Gazda. In Ungarn lägen die Dinge insofern anders, als dass eine der beiden Seiten (die linke) von historischen Herausforderungen weggespült worden und nichts an ihre Stelle getreten sei. Die andere Seite (die rechte) wiederum habe sich den Veränderungen angepasst.

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