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Kein Ende der Kulturkriege um das Holocaust-Gedenkjahr

31. Jan. 2014

Eine jüdische Kulturwochenzeitung befürwortet eine gewisse Kompromissbereitschaft seitens jüdischer Organisationen, doch sollten sie einigen Veranstaltungen im Rahmen des Holocaust-Gedenkjahres lieber fernbleiben. In Reaktion auf frühere und zugespitztere Äußerungen bezeichnet einer der führenden Köpfe des Gedenkjahres die Angriffe als wesentlichen Bestandteil des Wahlkampfes. Ein konservativer Chefredakteur verteidigt diese Person gegen eine seiner Meinung nach bösartige persönliche Attacke, geäußert von einem liberalen Historiker

Linke und liberale Kolumnisten werfen der Regierung bewusste Geschichtsklitterung mit dem Ziel vor, die Ungarn von Schuld reinzuwaschen und den Anteil des ungarischen Staates an der Deportation der jüdischen Landbevölkerung herunterzuspielen. Im Laufe der vergangenen drei Monate hatten sich Außenminister János Martonyi, der stellvertretende Regierungschef Tibor Navracsics, der Staatssekretär für das Amt des Ministerpräsidenten János Lázár, Ministerpräsident Viktor Orbán sowie Präsident János Áder mündlich oder schriftlich zu dem Thema geäußert und die Schuld des ungarischen Staates bei der Kollaboration mit Nazi-Deutschland im Rahmen der Deportation von über 430.000 ungarischen Juden nach der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht eingeräumt. Zwei Ereignisse der jüngsten Zeit erregten die Gemüter und lösten heftige Kontroversen aus: Zum einen ging es um die skandalträchtige Bemerkung eines zum Direktoren eines neuen geschichtswissenschaftlichen Forschungsinstituts ernannten Historikers und zum anderen um die Errichtung eines Mahnmals in Erinnerung an die Besetzung Ungarns durch Hitlerdeutschland im Jahre 1944 (vgl. BudaPost vom 28. Januar).

Nach Ansicht von Gábor T. Szántó, Chefredakteur des Wochenblattes Szombat, sind sich die führenden Vertreter des Judentums hinsichtlich ihrer Vorgehensweise alles andere als sicher. Sollten sie sich mit der Regierung anlegen oder einen Kompromiss eingehen? Szántó sieht „keinen Grund zur Furcht“ vor unterschiedlichen Interpretationen der Vergangenheit und keinen Anlass für eine Scheu vor einem sinnvollen Dialog. Obwohl der Autor davon ausgeht, dass das Okkupationsmahnmal – im Zusammenspiel mit anderen unseligen Aktionen von Vertretern der Regierungspartei – dem Lager der radikalen Rechten Wählerstimmen abjagen solle, so sieht Szántó auf Seiten der Regierung doch eine Kooperationsbereitschaft mit jüdischen Organisationen. Die Anerkennung von Verantwortung und Aussöhnung sei ein langwieriger Prozess. Der Bildung falle hierbei eine zentrale Rolle zu. Szántó empfiehlt den jüdischen Organisationen keinen Boykott des Gedenkjahres, glaubt aber, dass sie der Zeremonie zur feierlichen Enthüllung des Okkupationsmahnmals fernbleiben sollten.

In einem Interview mit Magyar Nemzet hält es Mária Schmidt, die für das „Haus der Schicksale“ verantwortliche Historikerin, für nur schwer nachvollziehbar, weswegen links-liberale Intellektuelle gegen dieses Museum protestierten, das der Erinnerung an die dem Holocaust zum Opfer gefallenen Kinder gewidmet sei. Diese noch in diesem Jahr zu errichtende Holocaust-Gedenkstätte wende sich an junge Leute, solle deren Sprache sprechen und ihnen dabei helfen, sich mit den Opfern zu identifizieren und zu begreifen, dass man immer wieder Entscheidungen treffen müsse. Einige träfen schlechte Entscheidungen, während andere den richtigen Weg einschlügen, erläutert Schmidt. Mit Blick auf die „Mahnmalsdebatte“ stellt Schmidt fest, niemand bestreite die Tatsache, dass viele Ungarn mit den Nazis zusammengearbeitet hätten – und viele auch nicht. Es sei eigenartig, dass ein Erinnern an die Okkupation Ungarns eine Kontroverse auslösen sollte, da ungeachtet aller antisemitischen Tendenzen innerhalb der ungarischen Politik vor und während der Besetzung der Holocaust niemals in Ungarn geschehen wäre, wäre die Armee Hitlers nicht in das Land einmarschiert.

In der Druckausgabe von Heti Válasz widmet Chefredakteur Gábor Borókai seinen wöchentlichen Leitartikel einem seiner Ansicht nach schamlosen Angriff auf Schmidt von Seiten des Historikers László Karsai. Der Experte des Nationalrats jüdischer Gemeinden (Mazsihisz) hatte geäußert, ihr [Schmidt] das Haus der Schicksale anzuvertrauen sei so, als würde man „moralischen Rat bei einer Puffmutter einholen“. Borokai schreibt, eine redliche Diskussion über irgendeine strittige Angelegenheit machte es erforderlich, dass die Partner die menschliche Würde des jeweils anderen respektierten. Welchen Interessen würde es dienen, falls sich Hass durchsetzen würde?, fragt der Leitartikler.

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