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Wochenzeitungen zum Lehrerprotest

22. Feb. 2016

Linke und liberale Wochenblätter werfen der Regierung eine Zerstörung des Bildungssystems vor. Ein regierungsfreundlicher Kommentator spekuliert dagegen, dass es die Oppositionsparteien seien, die den Protest der Lehrer inszenierten. Sie hofften nämlich auf einen Sturz der Regierung Orbán, falls im Frühjahr erneut ein Strom Migranten Ungarn erreichen sollte.

Die Lehrer lehnten sich im Namen künftiger Generationen gegen eine korrupte Führung auf, schreibt Zoltán Czeglédi in 168 Óra. Der linksorientierte Kolumnist geht soweit, der Regierung „Hochverrat“ vorzuwerfen, da sie mit ihren bildungspolitischen Zentralisierungsmaßnahmen jungen Ungarn vermeintlich den Zugang zu angemessener Bildung verwehre. Czeglédi vergleicht die Politik der aktuellen Regierung mit der früheren kommunistischen Herrschaft, die loyale Personen in sämtliche wichtigen Positionen gehievt habe, um die kommunistische Herrschaft fest zu etablieren. Die gegen die Zentralisierung der Bildung revoltierenden Lehrer forderten ganz allgemein den Geist des Orbán-Regimes heraus, konstatiert Czeglédi.

In Élet és Irodalom bezichtigt Péter Radó die Regierung, sie würde das Bildungssystem „total zerstören“. Der liberale Bildungsexperte verweist auf die Pisa-Studie 2012 um zu beweisen, dass sich die Fähigkeiten der Schüler unter der Regierung Orbán deutlich verschlechtert hätten. Die Gründe für dieses Absinken: das Fehlen eines sachgerechten Lehrplans, überbelastete Schüler, eine übermäßig zentralisierte Verwaltung sowie ein unterfinanziertes Bildungssystem. Im Ergebnis der Zentralisierung hätten die Lehrer keine Möglichkeiten, ihre Anliegen über professionelle Strukturen vorzubringen. Demzufolge müssten sie sich politischer Aktionen bedienen, um das gegenwärtige System herauszufordern, erläutert Radó und prognostiziert, dass, falls die Lehrer die Regierung unter konstantem Druck hielten, ihr Protest erfolgreich sein und das überzentralisierte System zu Fall gebracht werden könnte.

Selbst wenn die Lehrer scheitern sollten und sie das Bildungssystem nicht verändern könnten, bescherte ihr Protest Zig-Zehntausenden die Erkenntnis, dass ihre Weltsicht nicht mit der Vision des Orbán-Regimes in Einklang zu bringen sei, sagt Magyar Narancs voraus. Das linksliberale Wochenblatt vermutet, dass der Lehrerprotest möglicherweise den Nährboden einer umfassenderen Anti-Fidesz-Bewegung bereiten könnte.

András Bencsik von Magyar Demokrata tituliert den Lehrerprotest „teuflisch“. Der regierungsfreundliche Kolumnist argwöhnt, dass die protestierenden Lehrer eine umfassendere regierungskritische Koalition schmieden wollten, um das Orbán-Kabinett in die Knie zu zwingen und möglicherweise den ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány wieder an die Macht zu bringen. Der Protest der öffentlich Bediensteten könnte eventuell von Oppositionsparteien inszeniert worden sein – und zwar von den gleichen Parteien, die die Regierung mittels Kritik an ihrer Einwanderungspolitik schwächen wollten. Und Bencsik spekuliert weiter: Der Zustrom von Migranten dürfte in einem Monat wieder anschwellen und die protestierenden Lehrer wollten die Glaubwürdigkeit der Regierung just dann schwächen, wenn Migranten einträfen und weitere Probleme verursachten.

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