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Lehren aus den Unruhen in den USA

15. Jun. 2020

Kommentatoren aus der gesamten Breite des politischen Spektrums befassen sich mit der Protestwelle, die gegenwärtig die Vereinigten Staaten von Amerika erschüttert. Dabei haben sie unter anderem auch die mögliche Bedeutung für sowie eventuelle Auswirkungen auf Ungarn im Blick.

Dóra Nagy von Magyar Hírlap vertritt die Ansicht, dass die Unruhen in den USA nicht als eine lokale Serie von Ereignissen betrachtet werden könnten. Die konservative Kommentatorin führt die Unruhen auf die Verbreitung einer liberalen „politisch korrekten“ Ideologie, die Identitätspolitik und einen zügellosen agnostischen Individualismus zurück. „Progressive liberale Bolschewiki“ wollten die Welt zerstören, damit sie über ihre Ruinen herrschen könnten, schreibt Nagy und fährt fort: All dies beinhalte auch wichtige Lehren für Ungarn. Ohne eine starke nationale Identität könne die Geschichte leicht umgedeutet und als Mittel zur Vertiefung sozialer Spaltungen missbraucht werden. Nagy wirft der ungarischen Opposition den Versuch vor, mit Hilfe des Imports kriegerischer Gefühle aus den USA Angst zu erzeugen.

Traurig, dass einige Europäer den US-Protesten nacheifern wollten und für die Rechte von Schwarzen demonstrieren würden, notiert Levente Sitkei in der Tageszeitung Magyar Nemzet. Das, so der regierungsnahe Autor, würde darauf hinweisen, dass die Rassenbeziehungen denen in den USA ähnelten. Diejenigen, die hinter den europäischen Demonstrationen steckten, wollten die Aufmerksamkeit von wichtigeren Themen ablenken, argwöhnt Sitkei. Doch werde sich die Mehrheit der Ungarn auf ihr eigenes Tagesgeschäft konzentrieren, anstatt sich allzu sehr um die Beziehungen zwischen den Rassen in den USA zu scheren.

Balázs Ágoston versteigt sich in derselben Tageszeitung gar zu der Behauptung, dass der „gegen Weiße gerichtete Rassismus“ der US-Unruhestifter nun auch in Europa aufgetaucht sei. Strömungen von „Menschenrechtsaktivisten und linken Terroristen“ in den USA wie auch in Europa – motiviert von „blindem anti-weiß-rassistischen Hass“ – wollten Weiße kollektiv als rassistisch hinstellen, meint der ebenfalls der Regierung nahestehende Autor. Schwarze könnten ausschließlich als Opfer auftreten – und sie seien ja auch tatsächlich häufig Opfer: Siehe schwarze Ladenbesitzer, die den gegen Weiße gerichteten Ausschreitungen zum Opfer gefallen seien. Ágoston verurteilt das Ziel der Demonstranten, ethnische Gruppen zwangsweise zu vermischen, um einen weltumspannenden Staat zu schaffen. Gewiss hätten die Weißen in der Vergangenheit gesündigt, räumt der Autor ein, schließt aber mit der Feststellung, dass der Stolz auf die von „Weißen“ hervorgebrachte europäische Zivilisation und die Herrschaft des Gesetzes es wert seien, gegen „hasserfüllte Schurken“ verteidigt zu werden.

Áron Máthé vergleicht die Rhetorik der Antifa-Demonstranten mit der kommunistischen Propaganda der späten 1940er Jahre in Ungarn. Auf Mozgástér schreibt der konservative Historiker, dass die Krawallmacher durch ihren Hass auf das weiße Bürgertum motiviert seien. Falls sich die Demonstranten durchsetzen sollten, würden die „neokommunistischen“ Eliten den Sieg davontragen, glaubt Máthé.

Auf Mandiner wertet László Bernát Veszprémy die Unruhen in den USA als Beweis dafür, dass die Geschichte nicht nur in Osteuropa, sondern auch im Westen ein Schlachtfeld darstelle. Nach den Ereignissen werde es schwierig sein zu fordern, dass Osteuropa in Sachen Erinnerungspolitik und historische Versöhnung dem Beispiel der USA folgen sollte, notiert der konservative Geschichtswissenschaftler.

Ebenfalls auf Mandiner bezeichnet Milán Constantinovits den Geschichtsrevisionismus der Demonstranten als absurd. Der konservative Kommentator ist der Meinung, dass jeder gemäß den Normen seiner eigenen Zeit beurteilt werden sollte, statt anhand der heute gültigen Maßstäbe. Wann würden wohl ungarische radikale Linke ungarische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts der Fremden- oder Frauenfeindlichkeit beschuldigen und die Entfernung ihrer Statuen fordern, fragt sich Constantinovits.

Ádám Kolosi vom Nachrichtenportal Index wertet die Ereignisse in den USA ebenfalls als ein Indiz dafür, dass die Geschichte auch in den westlichen Demokratien nicht unumstritten sei. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Auseinandersetzungen in den USA werde es immer schwieriger zu behaupten, dass die mitteleuropäischen Länder im Hinblick auf die historische Versöhnung und die Schaffung einer gemeinsamen Geschichtserzählung hinter dem Westen hinterherhinken würden. Der liberale Verfasser verweist darauf, dass ein Konsens zum Thema Geschichte gerade in den USA sehr unwahrscheinlich sein dürfte, wo die Gesellschaft das Produkt einer rasseunterdrückenden Geschichte sei. Abschließend argumentiert Kolosi, dass symbolische Debatten über die Geschichte das Ergebnis „sozialer Frustration“ seien, und es unwahrscheinlich erscheine, dass sie die sozialen Probleme der Gegenwart beseitigen könnten.

Gábor Horváth von Népszava erklärt die Ereignisse, indem er Präsident Donald Trump unverhohlenen Rassismus vorwirft. Der linke Kommentator argumentiert, Trump habe jahrzehntelang rassistische Vorurteile offen gebilligt. Hillary Clinton sei moralisch im Recht gewesen, als sie Trumps Anhänger unverblümt als „Korb voller Bedauernswerter“ bezeichnet habe.

Im „kürzesten jemals auf Mérce erschienenen Kommentar“ schreibt der marxistische Philosoph Gáspár Miklós Tamás: „Wer kein Antifaschist ist, ist kein Faschist. Nur ein bisschen.“

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